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Weiterverarbeitung

10.07.2017 13:11

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Nicht unbedingt der Druckprozess selbst ist das entscheidende Kriterium dafür, ob mit digitalen Druckjobs Geld verdient werden kann. Sondern die Synchronisierung mit der Weiterverarbeitung. Ganz harmonisch geht es da aber noch nicht zu. Ann der Technik sollte es nicht liegen.

Am Ende steht mancher noch ganz am Anfang. Während Digitaldruckmaschinen mittlerweile einen Grad an Automatisierung erreicht haben, der jede Variation variablen Datendrucks zulässt, ist das  gegen Ende des Produktionsprozesses, beim Falten, Heften, Kleben oder auch Veredeln nicht immer so. Die Elastizität in der Jobstruktur, die eine Druckerei sich durch den Digitaldruck schafft, nimmt sie sich zuweilen in der Weiterverarbeitung. „Die zentrale Herausforderung liegt im Rüsten. Muss diese Arbeit überwiegend manuell durchgeführt werden, entsteht ein erheblicher Zeitaufwand. Angesichts des Trends zu kleinen Auflagen müssen Rüstzeiten daher drastisch reduziert werden – durch Automation der Rüstvorgänge, einfache Bedienung und Vernetzung mit vor- und nachgelagerten Prozessen“, erklärt Birgit Wienck, Marketingleiterin beim Hamburger Weiterverarbeitungsspezialisten Horizon.

Obwohl im Digitaldruck beispielsweise Sequenzen in der richtigen Reihenfolge gedruckt werden können, müssen in der Praxis häufig einzelne Stapel gefertigt werden, aus denen in der Zusammentragmaschine dann die rückstichgeheftete Broschur produziert werden kann. Heute gibt es intelligente Zusammentragtürme, die auch sequentiell gedruckte Bogen mehrfach hintereinander einziehen können.

Eine Frage der Jobstruktur

Wie hoch der Automatisierungsgrad der Weiterverarbeitung schon ist, hängt maßgeblich von der  Jobstruktur einer Druckerei ab. Hinter Book on demand beispielsweise steht eine digitale Kleinauflage, bei der tatsächlich von der digitalen Druckmaschine bis zur Falz- und Klebemaschine alles automatisiert ist. „Der Bereich der Faltschachteln ist sicherlich das andere Extrem“, kommentiert  Marcus Tralau, Geschäftsführer des Weiterverarbeitungsanbieters Kama. „Wenn eine Maschine für eine Zahnpasta-Schachtel 24 Stunden sieben Tage lang denselben Job macht, ist es für die Druckerei völlig uninteressant, wie schnell umgerüstet werden kann." So sind die Maschinen in diesem Segment nicht besonders hoch automatisiert.

Vor Jahren noch belächelt

Etwas anders ist die Lage im Akzidenzmarkt. Hier sind die Jobs oft einmalig. Die Werbeagentur hat eine tolle Idee, der Flyer wird einmal produziert und danach werden alle Werkzeuge weggeworfen. Das ruft nach digitalen Lösungen. „Wir haben einen sehr hohen Automatisierungsgrad in unseren Lösungen realisiert und insbesondere zusammen mit unserem Hersteller Duplo schon sehr früh auf das Thema Digitaldruck und Weiterverarbeitung gesetzt. Vor 15 Jahren sind wir belächelt worden, als wir Druckbogen in Einzelbogen geschnitten haben. Damals hat die ganze Welt ausschließlich in großen Stapeln gedacht. Heute werden wir an der einen oder anderen Stelle beneidet, weil wir entsprechende Digitaldrucklösungen seit  Jahren auf dem Markt haben, erläutert André Röder, Marketingchef beim deutschen Postpress-Händler FKS.

Rechenübungen

Bei der Lackveredelung gibt indes es neben einem hohen Automatisierungsgrad auch richtige digitale Technologien, die sicherlich für Kleinauflagen der richtige Weg sind. „Es gibt sogar erste Ideen, Heißfolien mit einem Kleber aufzutragen - und schon hat man einen digitalen Prozess. An einer solchen Lösung arbeiten nicht nur wir. Am Ende wird es sicherlich zwei, drei verschiedene Verfahren geben. Mal sehen, wer da das Beste hat“, sagt Kama-Chef Tralau hinzu.

Das Problem mit der digital basierten Weiterverarbeitung ist, dass die Maschinen und die Verbrauchsmaterialien noch recht teuer sind. „Das ist alles eine Frage der Auftragsstruktur“, erklärt Marcus Tralau. „Ich habe das mal berechnet und bin zu dem Ergebnis gekommen, dass sich digitale Technologie bei Wiederholaufträgen in der Veredelung bei über 1000 Produkten nicht mehr lohnt. Wohl gemerkt: ich rede nicht von Bögen. Es rechnet sich also nur für ein paar Hundert Bögen. Bei Akzidenzjobs liegt der Break Even irgendwo bei zwei bis fünftausend Bögen. Bei allen größeren Aufträgen ist es meiner Ansicht nach noch immer sinnvoller, im analogen Verfahren zu produzieren.“

Ausbaufähig

Nun hängt aber der schnelle Auftragswechsel nicht allein von der Maschine selbst ab. „Effiziente Digitaldruckproduktion auf Basis variabler Daten stellt Ansprüche an die Integration von Druck und Druckweiterverarbeitung. Einzelne Maschinen werden daher mechanisch und elektronisch zu vollautomatischen Produktionsstraßen vernetzt“, so Birgit Wienck.

Doch wie gut ist dieses Straßennetz in der Produktion tatsächlich ausgebaut? André Röder hegt da Zweifel: „Es hat schon seinen Grund, dass 2004 ja die JDF-Drupa war und heute lediglich eine sehr überschaubare Anzahl von Dienstleistern wirklich von sich behaupten kann, dass sie einen komplett JDF-kompatiblen Workflow einsetzen. Es gibt also einen klassischen Standard, der in der Praxis aber nicht ganzheitlich gelebt wird“.

Kama-Chef Marcus Tralau kennt die Kommunikationsprobleme im Maschinenpark - jedenfalls bei der Produktion von Faltschachteln. „Wir entwickeln an einer Software, damit unsere Maschinen mit anderen Maschinen kommunizieren können. Aber dafür brauchen wir eben auch andere Maschinen, die mit uns kommunizieren können“, erläutert Marcus Tralau. „Ehrlich gesagt, kenne ich noch keine komplette Workflowintegration im Sinne von Industrie 4.0 im Bereich der Faltschachtel.“

Die Frage ist auch, ob die Druckereien sich überhaupt eine JDF/JMF-Lösung leisten können und wollen. Gerade der Mittelstand sucht wohl eher nach einer einfachen Möglichkeit, Automatisierung durch Workflowvernetzung zu schaffen.

 

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Was Lösungen lösen müssen

Es gibt noch einiges an Entwicklungspotential und es sind alle kräftig dabei, dieses zu heben. „Zusammen mit Duplo werden wir sehr zeitnah ein neues System im Bereich der digitalen Druckveredelung präsentieren. Wir testen diese Maschine gerade abschließend, um dann im Herbst dieses System zur Marktreife zu bringen“, so André Röder. „Wir adressieren damit alle Dienstleister, die darüber nachdenken, kleinere Auflagen digital mit Spot-UV-Lack zu veredeln. Was wir zurzeit sehen, funktioniert sehr gut und trifft häufig auch den Bedarf des Marktes - das wissen wir durch erste Gespräche mit Kunden.“

Das Kernthema von Kama sollen natürlich auch Lösungen für Kleinauflagen bleiben. „Das ist aus unserer Sicht ein übergeordneter Megatrend. Dabei ist das Druckverfahren für uns in der Weiterverarbeitung erst einmal egal, obwohl in diesem Segment der Digitaldruck seine Vorteile ausspielt. Es kommt auf drei Dinge an: Flexible Maschinen für vielzählige Anwendungen, niedrige Rüstzeit statt hoher Laufgeschwindigkeiten sowie Automatisierung und Vernetzung“, sagt Kama-Geschäftsführer Marcus Tralau. 

Anja Schlimbach

(4c Printausgabe 4/2017)

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