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Litho-Prozess

02.06.2017 11:25

Hautnah

Eine kleine Londoner Druckerei hat einen Bildband auf einer ziemlich angejahrten Speedmaster von Heidelberg gedruckt. Doch was die Tüftler von Boss Print während der Produktion entdeckten, könnte den Offsetdruck von Bildern auf ein bisher ungeahnt hohes Niveau heben.

Es könnte mit Benny Landas Nangrafie produziert worden sein. Oder doch nicht. Die Landa-Maschinen sind ja noch nicht bei Druckereien installiert. Vielleicht ist es auch eine Lumejet, die dieses Buch gedruckt hat. Nein. Unwahrscheinlich. Lumejet, gerade aus wirtschaftlichen Turbulenzen heraus gekommen, muss sich neu aufstellen.

Die Leuchtkraft der Farben, die da in dem Buch "The Act" der Fotografin Julia Fullerton-Batten, aus den Seiten schimmert, würde jedenfalls den visuellen Schluss nahelegen, dass hier eine dieser beiden Technologien angewendet wurde. Doch die nuancierte Darstellung nackter Haut, wie sie "The Act" inszeniert, wurde  - unspektakulär - mit einer zwölf Jahre alten Heidelberg Speedmaster CD 74 realisiert - allerdings mit einem völlig neuen Litho-Prozess.

"Vivid Colour" heißt der Prozess,  den die kleine britische Druckerei Boss Print wenig absichtsvoll entwickelt hat: "Wir kamen auf die Idee, als wir mit Leuten über alte Praktiken sprachen, die aus dem ein oder anderen Grund und wegen technischer Einschränkungen über die Zeit unpraktikabel geworden, oder die ausprobiert wurden, aber sich nicht durchgesetzt haben. Wir versuchen bei Boss Print die Dinge besser zu machen und haben den Anspruch, uns und die Qualität kontinuierlich zu verbessern anstatt einer Schneller-Billiger-Mentalität zu folgen. Darum erforschen wir, probieren aus und testen”, kommentiert Fenton Smith, Geschäftsführer von Boss Print.

 

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Beinahe eine Halbton-Reproduktion

Vivid Colour nahm Gestalt an, während man an „The Act“ arbeitete. Die Idee basiert auf der Kombination eines stochastischen Rasters mit einem erweiterten Farbraum, nämlich CMYK plus Violett. Hinzu kommen noch ausgewählte Papiere und natürlich in diesem Fall auch ausgewählte Fotografien. Fertig ist die Wundertüte. „Diese Kombination ermöglicht beinahe eine Halbton-Reproduktion und fotoähnliche Druckqualität”, fügt Fenton Smith hinzu. Die Bildsprache in „The Act“ ist für Vivid Colour auch prädestiniert. Viele kleine Details sind zu sehen. Es gibt viele Bereiche mit dunkler Tönung, aber ebenso strahlenden Farben.

Sieht natürlich aus 

Es wurden verschiedene Bilder unter Verwendung des neuen Prozesses ausprobiert. Schnell stellte man deutliche Verbesserungen in der Farbreproduktion bestimmter Schattierungen und Farbtöne fest, wodurch man den Originalaufnahmen noch einmal näher kommen konnte. „Das andere, was uns sehr zufriedengestellt hat, war, dass keines der bearbeiteten Bilder künstlich aussah und dass der Prozess über den gesamten Farbraum hinweg funktioniert. Ich erinnere mich daran, vor vielen Jahren Hexachrom-Drucke gesehen zu haben – manchmal sahen sie bei einigen Abbildungen hervorragend aus, bei anderen jedoch sehr unausgewogen und irgendwie falsch. Vivid Colour hingegen funktioniert”, erzählt Fenton Smith.

Nur so gut wie das Original 

Damit viele neue Märkte besetzen zu können, war für die Londoner Drucker nicht der ausschlaggebende Grund, sich mit der Entwicklung zu beschäftigen. „Das einzige, was wir beabsichtigt hatten, als wir den Vivid Colour Prozess entwickelten, war zu sehen, wie weit wir das Ganze treiben können, wie echt wir ein gedrucktes Bild aussehen lassen können. Wir reden viel mit Kunden darüber, dass sie den Prozess nutzen können. Die Wahrheit aber ist, dass die Qualität der Bilder zunächst schon einmal sehr hoch sein muss, da sonst die Vorteile des Verfahrens nicht angemessen ausgeschöpft werden können“. Es ist also in erster Linie der Fotografie- und Fine-Art-Sektor, in dem oft eine echtere Farbreproduktion verlangt wird, der dann von Vivid Colour profitieren kann.

Resteverwertung

Um Fotografen zu überzeugen, wurden unter dem Slogan „CMYKV = RGB“ eigens Postkarten mit den bunten Farbresten entworfen, die bei der Produktion des Buches angefallen sind. „Der Prozess ist eine relativ neue Entwicklung für uns und trifft vermutlich am Markt auf keine Nachfrage außer bei Fotografen, die von der reproduktiven Qualität einfach begeistert sind. Wir nutzen traditionelle Lithografie, aber in einer Kombination von Prozessen und Verfahren, bei der wir das Beste aus den verschiedenen Dingen herausholen, um ein Resultat zu erhalten, das größer ist als die Summe seiner Teile”, philosophiert Druckereichef Smith.

Mit ein bisschen Tatkraft und Innovationsfreude lässt sich in der Branche noch vieles erreichen - auch mit zwölf Jahre alten Offset-Druckmaschinen. Fenton Smith sieht das so: „Die Industrie als Ganzes muss viel enger zusammenarbeiten, um bei der Qualität voranzukommen, neue Produkte und Arbeitsweisen zu entwickeln, damit Print zur ersten Wahl wird anstelle zum letzten Mittel. Die Qualität zu verbessern, anstatt immer nur die Kosten zu reduzieren, ist meiner Meinung nach der beste Weg, diese Geschichte zu erzählen“.

Anja Schlimbach

(4c Printausgabe 3/2017)

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