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Typografie

14.04.2017 06:38

Für alle Zeit

Sie hat es bis auf den Mond geschafft, sie wurde von einem der größten Autobauer der Welt verwendet, sie ist Inspiration für Dutzende Schriftgestalter: die Futura, ein typografisches Phänomen, ist 90 Jahre alt.

Vor neunzig Jahren brachte die Bauersche Gießerei in Frankfurt die erste Bleisatz-Futura auf den Markt. Die „Schrift unserer Zeit“ – so ein früher Werbespruch für die Futura – hat eine bewegte Geschichte hinter sich. Und sie blieb all die 90 Jahre lang die "Schrift unserer Zeit". Kommerziell war sie sofort erfolgreich, doch ihr Schöpfer, der Wahl-Münchner Paul Renner, konnte sich nicht lange darüber freuen. Kurz nach der Machtübernahme Hitlers wurde seine Schrift als „bolschewistisch“ diffamiert. Renner selbst landete im April 1933 kurzfristig im Gefängnis und wurde danach von den Machthabern isoliert. Das hielt die Nazis aber nicht davon ab, Renners Schrift weiterzuverwenden: Selbst die Hetz-Flugblätter für die Bücherverbrennungen waren in der Futura gesetzt.

Nach dem Krieg ging der typografische Höhenflug weiter. Im Juli 1969 wurde die Futura sogar die erste Schrift auf dem Mond. Die Apollo-Mondmission ließ eine beschriftete Metall-Plakette an der Landestelle zurück. Über den eingravierten Unterschriften der Astronauten und des damaligen US-Präsidenten Richard Nixon künden Futura-Versalien von den ersten menschlichen Schritten auf dem Erdtrabanten.

Futura-Comeback

Auf ihrem Heimatplaneten ist die Futura auch heute ein Erfolg. Auf der Linotype-Website wird die Futura fast immer in den Top Ten gelistet. Doch zum genauen Absatz hält man sich bei Mutterkonzern Monotype bedeckt. Nur Wolfgang Hartmann von Bauer Types, der Nachfolgerin der Bauerschen Gießerei, deutet an, die Futura habe „zeitweise“ an Beliebtheit eingebüßt, „vor allem von den sechziger bis neunziger Jahren“. Hartmann führt das auf die damalige Dominanz der Schweizer Stils zurück, in dem Schriften wie Helvetica und Univers der Futura den Rang abliefen. In jüngster Zeit könne man aber von einem Boom sprechen, freut sich Hartmann.

Kaum einem anderen Unternehmen im deutschen Sprachraum hat die Futura ihren Stempel so stark aufgedrückt wie Volkswagen. Der deutsche Schriftgestalter Hannes von Döhren lieferte gemeinsam mit Meta Design 2015 die neuen Hausschriften ab. Als der Autobauer seinen typografischen Auftritt mit einem Paukenschlag umstellte, kam das Ende der Futura für viele unerwartet. Dabei hatte Von Döhren mehrere Jahre an den neuen Schriftfamilien „Volkswagen Head“ und „Volkswagen Text“ gearbeitet. Der Auftrag wurde in direkter Zusammenarbeit mit Volkswagen und der Branding-Agentur Meta Design abgewickelt, die bereits in den Neunzigern die Futura sanft für VW angepasst hatte.

Neue Schriften für neue Autos

Auf die Frage, wie Von Döhren denn mit dem Image als Futura-Bezwinger umgehe, winkt der Deutsche lachend ab: „Bezwinger klingt ja gemein.“ Tatsächlich hat er viel Respekt vor der Schrift, die er mit seinem Entwurf abgelöst hat. Die Futura sei für ihn „ein Klassiker und eigentlich unantastbar“. Sie sei nur eben den Anforderungen nicht mehr gewachsen gewesen, deshalb war es Zeit für eine Typo-Erneuerung beim weltgrößten Autohersteller. Ist die Futura also der VW Käfer unter den Schriften? „Meinetwegen kann man das so sagen“, meint der Schriftgestalter. „Die Autos haben sich schließlich auch verändert: Die Scheinwerfer sind eckiger, die Schrägen dezenter. Die neue Schrift reflektiert das, zum Beispiel mit Details wie leicht schrägen Abschlüssen.“

Die Anforderungen an die neue VW-Typo waren klar: eine Schrift, die alles kann. Sie musste überall funktionieren. Von dem Konsolen-Display über die Tacho-Beschriftung bis hin zu den Bordbüchern, der Webseite, den Plakaten, den Broschüren und den Office-Rechnern der Büroangestellten. Diesen Spagat konnte die Futura einfach nicht bewältigen. Tatsächlich waren deshalb viele verschiedene Schriften im Einsatz, unter anderem die Arial, die Univers und die Thesis.

Leicht lesbaren Mengentext in Lesegrößen, und das vielleicht auch noch unter erschwerten Bedingungen – kaum ein Typograf würde für diese Aufgabe Paul Renners Klassiker wählen. Die Formen sind dafür zu geometrisch, die Mittellänge zu niedrig. Aus Problemen wie diesen entstand das besagte Mischmasch an Schriften. Von Döhrens Design sollte helfen, das Markenerlebnis zu vereinheitlichen. Die neuen Schriften eigneten sich besser für die erwähnten Mengentexte, noch dazu benötigten sie weniger Platz. So wurden etwa die Bordbücher deutlich dünner. „Das alleine hat wahrscheinlich eine Menge Kosten gespart“, vermutet Von Döhren. 

Spekulation um die Kabel

Gleich bei ihrem Erscheinen hatte die Futura schon Auswirkungen auf andere Schriften gehabt, glaubt der Frankfurter Designer Marc Schütz. Und zwar auf das beinah zeitgleich entstandene Konkurrenzprodukt der Offenbacher Schriftgießerei Klingspor: die Kabel, eine geometrische Grotesk aus der Hand des Kalligrafen Rudolf Koch. Schütz zeichnet für die kürzlich erschienene „Neue Kabel“ verantwortlich, ein umfangreiches digitales Revival der Schrift. Bei der minutiösen Detailarbeit fiel ihm etwas auf: Koch muss in der Kabel Details immer bewusst anders gemacht haben als Renner in seiner Futura. Wenn die Futura den Punkt rund macht, macht die Kabel ihn karoförmig; ist das kleine a in der Futura einstöckig, macht Koch seines doppelstöckig. „Es ist auffällig, wie weit die beiden Schriften damals voneinander entfernt waren“, meint Schütz. Schließlich sei das Genre der geometrischen Grotesk noch relativ jung gewesen, der Raum für kreative Entwicklungen also noch eng. Ähnlichkeiten wären eigentlich vorprogrammiert gewesen. „Trotzdem fällt auf, wie wenig Überschneidungen die beiden Schriften haben“, sagt Schütz, „die Kabel sucht die maximale Abgrenzung zur Futura.“

Doch Schütz macht klar, die These sei nur seine Spekulation. Aber es gebe Indizien, so der Schriftendetektiv. Ein 1927 erschienenes Schriftenmuster bescheinigte der Kabel „mehr Lebendigkeit als anderen modernen Schriften“. Schütz kombiniert: „Damit muss die Futura gemeint sein.“ Schließlich waren die beiden Gießereien Bauer und Klingspor nur wenige Kilometer voneinander entfernt, die Geschäftsführer kannten einander. Schriftentwicklungen nahmen damals viele Jahre in Anspruch, Futura und Kabel kamen fast zeitgleich auf den Markt. „Sie müssen von den Entwicklungen des jeweils anderen gewusst haben,“ mutmaßt Schütz.

Weg von der Futura

Neue Entwicklungen im Genre der geometrischen Serifenlosen suchen die größtmögliche Distanz zur dominierenden Futura. Auch in Österreich gibt es mit der „Soleil“ des Wieners Wolfgang Homola ein namhaftes Beispiel. Die Buchstabenformen sind nach der alten Gebäudebeschriftung der Arbeiterkammer-Zentrale in Homolas Heimatstadt modelliert. Bei der Renovierung musste eine neue Schrift für das Leitsystem gefunden werden, aber die angedachten Avenir und Futura passten schlicht nicht: Das war der Startschuss für eine eigene Schriftentwicklung. Die mittlerweile stark ausgebaute Familie ist schrittweise zwischen 2011 und 2013 bei TypeTogether erschienen.

Homola schwört, er habe als Typograf nie mit der Futura gearbeitet. Das Genre der geometrischen Sans hat ihn aber fasziniert: „Der Minimalismus lässt eigentlich keine weitere Vereinfachung mehr zu,“ erklärt Homola, „durch die totale Reduktion bleiben kaum Parameter zum Spielen.“ Trotzdem gelang es ihm, etwas Bewegung ins strenge geometrische Konzept zu bringen, indem er die in sich geschlossenen Formen behutsam öffnete. Statt einer statischen Grotesken habe er so eine dynamische Geometrische schaffen können.

Harte Geometrie auf Speed

Die weißrussisch-britische Schriftgestalterin Mariya Pigoulevskaya von der englischen Foundry Northern Block wählte für ihre geometrische „Stolzl“ den entgegengesetzten Weg: „Ich wollte herausfinden, wie weit ich mit der Geometrie gehen und trotzdem noch eine gewisse Lesbarkeit beibehalten konnte.“ Die einfachen Grundformen sollten nur soweit angepasst werden, dass sie funktionierten. Die humanistische Abwandlung wollte sie vermeiden, denn die Schrift sei nicht darauf ausgelegt, es dem Auge des Betrachters um jeden Preis leicht zu machen. Pigoulevskaya: „Sie soll vielmehr ästhetische Grundsätze in Frage stellen.“ In der Rekordzeit von drei Monaten entwickelte sie 2015 die Display-Varianten der Stolzl-Familie. Die Text-Fassung mit stärkeren Anpassungen kam ein knappes halbes Jahr später heraus.

Auch Pigoulevskaya legt Wert darauf, dass ihre Schrift nichts mit der Futura zu tun habe: „Ich bin ein großer Fan, aber bei der Stolzl habe ich nicht an sie gedacht.“ Benannt ist die Schriftfamilie nach der Bauhaus-Meisterin Gunta Stölzl, die in den Zwanzigern für ihre Textilarbeiten berühmt wurde. Pigoulevskaya wurde dafür kritisiert, dass sie im Schriftnamen den Umlaut weggelassen hatte. Aber das sei nicht aus Ignoranz passiert, betont die Designerin, sondern aus Respekt: „Ich wollte nicht einfach ihren Namen verwenden.“ Sonst gab es nur positives Echo, der mittlerweile große internationale Erfolg der Fonts gibt ihr recht. Vor allem in Russland wird die Stolzl gerne eingesetzt, zuletzt etwa beim Redesign für den Moskauer Sokolniki-Park. „Die Leute lieben die Geometrie wieder wie in den Zwanzigern“, zieht Pigoulevskaya historische Parallelen.

Griechische Futura mit Schrullen

Aus Griechenland stammt das skurrile „Futuracha“-Projekt, eine extravagante Überformung der Futura-Buchstaben, gekreuzt mit Details aus der Baskerville, Jugendstil-Elementen und ausgeflippten Ornamenten. Futuracha entstand 2012 als Studentenprojekt des Athener Designers und bekennenden Futura-Fans Odysseas Paparounis. Das Projekt bestand ursprünglich aus nicht mehr als einer einfachen EPS-Datei, die die Buchstaben enthielt. Wer mit Futuracha etwas schreiben wollte, musste sich die Formen also selbst in einem Vektorgrafik-Programm zurechtziehen.

Als Behance-Projekt avancierte Futuracha in kürzester Zeit zum Internet-Hit: Bis heute wurde die Datei etwa eine Viertelmillion mal heruntergeladen. Paparounis, mittlerweile Chef des Designbüros „Høly“, will nun die Schrift unter dem Titel „Futuracha Pro“ als richtigen Opentype-Font herausbringen, in dem die Buchstabenvarianten beim Tippen automatisch ausgetauscht werden. Bisher entstand eine Beta unter der Ägide der erfahrenen Schriftgestalterin Natalia Qadreh. Um den Font auch abschließen zu können, startete das Designbüro eine Crowdfunding-Kampagne auf Indiegogo. Bei Redaktionsschluss lag das Ergebnis bereits bei über 30.000 Dollar.

Rainer Erich Scheichelbauer

(4c Printausgabe 2/2017)

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