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Plakatwerbung

18.07.2016 07:38

Einfach mal rumhängen

Der Berliner Designer Felix Schulz hat auf Twitter die Plakate politischer Parteien persifliert. Der Spott über die rituelle Einfallslosigkeit hat in den sozialen Medien zu einer Debatte über das Medium Plakat geführt. Gegenüber 4c erzählt Schulz nun, wie Außenwerbung im politischen Kontext funktionieren könnte.

Hat man eins gesehen, hat man alle gesehen. Das Prinzip dürfte zumindest auf Plakate für Kommunalwahlkämpfe zutreffen. Die Slogans mau, die Bildsprache lau, bemüht lustlos ist jeder einzelne Pixel arrangiert. Dem Berliner Designer Felix Schulz ist die Unauffälligkeit politischer Outdoor-Kommunikation besonders im Kommunalen auch aufgefallen. Also entwarf Schulz vor einigen Wochen ein Set mehrerer Wahlplakate deutscher Parteien, um das ganze visuelle Elend zu überzeichnen und postete seine Entwürfe unter dem Hashtag #wahlplagiat auf diversen sozialen Plattformen. Hunderte haben seither im Web über Schulz` Plakat-Reigen diskutiert.

Schulz, der in Berlin mit seiner Agentur „Die Agentuer“ politische Kommunikation gestaltet, hat in den vergangenen Jahren bereits einige Wahlkämpfe begleitet. „So ein Slogan wie ‚Fortschritt statt Stillstand’ bewegt natürlich keinen mehr, das emotionalisiert die Menschen nicht“, sagt Schulz.

Ehrenamtlich kreativ

In seiner bisherigen Arbeit musste Schulz oft feststellen, dass die Gestaltung von Kommunalwahlplakaten im Verantwortungsbereich von ehrenamtlich tätigen Parteifunktionären liegt, die häufig gar nicht das Fachwissen haben, um gestalterisch innovativ zu sein. „Da sieht man dann immer wieder die gleiche Bildsprache. Dass eine Agentur gebucht wird, ist eine absolute Ausnahme. Dabei sollten sich die Parteien doch überlegen, was sie mit den Plakaten erreichen wollen. Bei politischer Kommunikation geht es ja schließlich darum, eine wirksame Nachricht zu gestalten, die bei den Wählern ankommt“, so Schulz. Sicherlich hängt die Qualität der Werbemittel immer auch vom vorhandenen Budget ab. Viele Bundesparteien in Deutschland oder auch Österreich wären finanziell sogar in der Lage, ihre Repräsentanten auf kommunaler Ebene weitaus besser zu unterstützen, als sie es bisher tun. Und gerade bei den Plakaten sollten sie das womöglich auch tun, schließlich sind sie gerade bei Kommunalwahlkämpfen ein signifikanter Teil einer Kampagne.

Bewusst irritierend

„Man sollte das Wahlplakat als Ausgangspunkt nehmen, um neue Wege zu gehen. Nicht immer nur Bild, Slogan, Logo. Das ist schlecht, wird aber immer wieder gemacht mit der Begründung, dass alle anderen Parteien das ja auch so machen würden“, findet Schulz, der sich wünscht, dass sich Parteien mit ihren Plakaten auch mal etwas trauen, für einen Überraschungseffekt sorgen. Möglichkeiten hierfür sieht Schulz unter anderem auch im gezielten Einsatz neuer Technologien.

Großflächige Lentikularplakate oder Virtual-Reality-Anwendungen für Plakate würden sich seiner Meinung nach hervorragend dazu eignen, politische Prozesse zu visualisieren oder die Forderungen von Parteien zu verdeutlichen. „Wahlplakate sollten Momente der Irritation beim Betrachter schaffen. Die Leute sollen davor stehenbleiben und dazu ermutigt werden, sich Gedanken zu machen und in Interaktion zu treten“, so Schulz. Er glaubt, dass ansprechende Wahlwerbung auch dazu führen kann, dass sich Menschen nicht nur direkter angesprochen fühlen, sondern sich auch mehr mit den Inhalten der unterschiedlichen Parteiprogramme auseinandersetzen. 

Keine QR-Codes

Wenn plötzlich statt der gewohnten Bilder von Politikern eine gebaute Kulisse auf einem Wahlplakat zu sehen ist oder gar eine ganze Wahlplakat-Serie räumlich verbunden aufgehängt wird, die visuell eine Entwicklung darstellt, so kann das zu einer Aufmerksamkeitsspitze bei den Betrachtern führen – zeitlich und qualitativ.

„Es stört mich wahnsinnig, dass, wenn bei Wahlplakaten die Rede von interaktiver Werbung ist, alle nur von QR-Codes sprechen. Ich muss meine Kunden regelmäßig davon überzeugen, dass das einfach nicht genutzt wird“, berichtet Schulz über die technischen Hürden, die gerade bei Plakaten unüberwindlich scheinen. Das mangelnde Wissen um die Mechanismen moderner visueller Kommunikation ist bei politischen Parteien auffällig: „Das ist etwas, was die Parteien verschlafen. Sie erkennen das Potenzial von Werbung nicht. Stattdessen werben sie nur, um zu werben“, resümiert Schulz.

Graue Sauce

Die Corporate-Design-Manuals der jeweiligen Parteien, an die sich Felix Schulz bei seinem privaten Protestprojekt sklavisch gehalten hat, würden jedenfalls kein Hindernis für eine mutigere Gestaltung von Wahlplakaten darstellen.

„Es sind alles stabile Corporate-Design-Manuals, die von guten Agenturen entwickelt wurden, da habe ich eigentlich nicht viel daran rumzumeckern. Es ist die Umsetzung, die mir in vielen Fällen nicht gefällt. Denn man kann ja auch mit so einem Regelset viel mehr erreichen, als es gerade der Fall ist. Da, glaube ich, sollten die Parteien mehr mit mutigeren Agenturen und Freelancern zusammenarbeiten und sich vor allem auch wagen, etwas zu machen, das auffällt, das raussticht und für die eigene Überzeugung steht“, sagt Schulz, der seinen viel diskutierten Twitter-Post eventuell auch als Argumentationshilfe bei dem einen oder anderen zukünftigen Pitch beim Kunden verwenden möchte. „Solange alles wie eine graue Sauce ist, sehe ich es auch als Chance, durch eine tolle Gestaltung noch mal extra viel Wirkung zu erzeugen“, so Schulz. Ganz abwegig scheint seine Vision nicht zu sein, so reagierten doch fast alle Parteien mit offener Selbstironie auf seinen Twitter-Post. 

Ann Kimminich

(4c Printausgabe 4/2016)