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Nanografie

05.07.2016 10:14

Mach`s nochmal, Benny!

Endlich ein Plan statt vieler Prophezeiungen. Benny Landa beginnt damit, seine nanografischen Drucksysteme an die ersten Betakunden auszuliefern. Motivlage und Erwartungen der ersten Nanografie-Anwender liegen dabei auffallend weit auseinander. Eine Reise zu den Nano-Pionieren in den USA, in Deutschland und in Großbritannien. Außerdem: Xeikon-Chef Wim Maes über Inkjet, HP und Nanografie.

Die Begegnungen müssen eindrucksvoll gewesen sein. Will Parker würde sonst wahrscheinlich nicht auf Vokabular aus der Biochemie zurückgreifen müssen. „Es ist wie Osmose“, erzählt der Geschäftsführer des britischen Druckdienstleisters Reflex Labels. Osmose also. Biologen bezeichnen damit etwa die Passage von Wasser durch eine Membran. Will Parker bezeichnet damit die Erkenntnisgier, die Meeting-Teilnehmer erfassen würde, wenn sie mit Benny Landa diskutieren.

Die osmotischen Phänomene haben bei Will Parker ihre Wirkung jedenfalls nicht verfehlt. Er ist einer der Betakunden, die Landa während der letzten Drupa präsentiert hat. Schon lange vor der Drupa 2012 hat Parker begonnen, Landa bei der Entwicklung seiner Rollendruckmaschinen zu unterstützen. Nun wird er einer der ersten sein, die eine W10 in den Maschinenpark integrieren werden. Wann genau das sein wird, ist so klar noch nicht. „Die Maschine wird dann geliefert, wenn Landa zufrieden mit der Qualität ist. Das ist mir recht“, sagt Parker gegenüber 4c. „Im Peloton der Hersteller“, ist Will Parker überzeugt, „ist Landa ganz weit vorn“. 

450 Millionen

Landa hat das Glück und das Geschick, Kunden zu Verbündeten zu machen und die Hypothek aus den nicht eingehaltenen Versprechen der Vergangenheit immer wieder aufs Neue zu tilgen. 450 Millionen Euro an Bestellungen hat Landanano bei der Drupa 2016 eingesammelt; echte Bestellungen, keine unverbindlichen Letters of Intent, wie das Unternehmen in Rehovot auf Anfrage von 4c versichert. Im Laufe des Jahres 2017 sollen die Maschinen dann ausgeliefert werden. Wie so oft bei Landa umflort auch dieses Vorhaben ein kleines Geheimnis. Mit den jetzt bekannten Produktionskapazitäten im israelischen Rehovot scheint es ziemlich schwierig, diese Menge an Maschinen bauen zu können. Landa kontert auf eine entsprechende Anfrage von 4c mit dem Verweis auf eine neue Fabrik, die gerade geplant würde.

Wer heute mit Benny Landa spricht, erntet routinemäßiges Bedauern für die bisher rund vierjährige Verspätung bei der Marktreife seiner Maschinen, wird aber auch gleich mit einer radikal anderen Sichtweise konfrontiert: Die Frage sei ja nicht unbedingt, wie groß die selbst verursachte Verspätung sei. Vielmehr, so formuliert es Landanano-CEO Yishai Amir gegenüber 4c, „sind wir anderen digitalen Wettbewerbern weit voraus“. Das Glas bei Landanano ist eben meist voll, manchmal halbvoll, aber niemals halbleer. Vielleicht sogar zurecht. 

Verbindlichkeit

Peter Sommer hat sich seine Begeisterung für die Nanografie in den letzten Monaten erst wieder neu erarbeiten müssen. Eigentlich hatte er schon nach der Drupa 2012 erwartet, seinen opulent ausgestatteten Maschinenpark mit einer Landa-Maschine erweitern zu können. Es wurde nichts draus. Der Europa-Chef des Druckereikonzerns Elanders investierte dafür heftig in Inkjetmaschinen von HP. Nun hat Sommer eine S10P, die duplexfähige Bogendruckmaschine von Landa geordert. Fix, wie er sagt. „Die Lieferung ist sehr verbindlich. Wir haben genaue Timelines, wie lange die Beta-Phase dauern soll“, sagt Sommer gegenüber 4c. Für das erste Quartal 2017 erwartet er, dass die Maschine im Drucksaal in Waiblingen installiert werden kann. Und ist bedingt zuversichtlich, jedenfalls, was den Start anbelangt: „Es wird Anlaufschwierigkeiten geben“, sagt Sommer. Dass er nun eine Bogenmaschine erhält, nachdem er jahrelang mit den T-Modellen von HP auf die Rolle abonniert war, ist auch nicht ganz im Sinne Sommers. Aber anderes wiegt offenbar stärker. Die neuen Inkjet-Bogenmodelle, die gerade zur Drupa von einigen Herstellern präsentiert wurden, sind für Sommer nicht produktiv genug, teilweise sind zudem nicht duplexfähig und die Anwendungsdichte des Inkjets bleibt vorerst auch geringer als jene der Nanografie – sofern sie denn hält, was Landa verspricht.. „Wir können Fotoprodukte darauf fertigen, ich kann beliebige Materialien bedrucken, auch Verpackungen produzieren. Wir müssen uns nun überlegen, wie wir die Maschine am intelligentesten ausnutzen“, sagt Sommer gegenüber 4c.

6.500 Bogen pro Stunde können die Landa-Bogenmaschinen bedrucken, 13.000 Bogen sollen es dann nach einem Upgrade sein, das Landa jetzt schon ankündigt. Damit greift er frontal den Offsetdruck an, wie im übrigen auch durch das kolportierte Klick-Preismodell: je größer die jeweilige Auflage, desto weniger müssen Druckdienstleister pro Klick bezahlen. 2018 schon, so kalkuliert Landa, werden wohl nur noch Maschinen mit einer Laufgeschwindigkeit von 13.000 Bogen verkauft.

Ein neuer Akzent

Landa, das zeigt sich an den Aussagen von Peter Sommer und Will Parker, bietet dem Markt nicht einfach eine weitere Digitaldruckmaschine an. Er ist, so der Eindruck, vor allem Generalunternehmer für Hoffnung und Ideen. Will Parker, der im kommenden Jahr die Lieferung einer W10-Rollendruckmaschine erwartet, verbindet mit der Nanografie die Möglichkeit, das Nachhaltigkeitsversprechen gegenüber seinen Kunden erfüllen zu können. „Die Technologie ist grüner als die der Konkurrenz“, sagt Parker. Diesen Aspekt hat auch Landa bei der letzten Drupa stärker betont als je zuvor.

Landa, das zeigt sich an den Aussagen von Peter Sommer und Will Parker, bietet dem Markt nicht einfach eine weitere Digitaldruckmaschine an. Er ist, so der Eindruck, vor allem Generalunternehmer für Hoffnung und Ideen.

Versionswechsel

Das Reservoir der Argumente gegenüber der Kundschaft wird sich gut füllen, erwartet Parker: „Ich kann jetzt die Flexibilität, die Kunden bei der Etikettenproduktion gewohnt sind, auch bei flexiblen Verpackungen erfüllen“, sagt Parker. Bisher müssen Kunden etwa bei Lebensmittelverpackungen hohe Lagerbestände in Kauf nehmen. Schnelle Versionswechsel waren nicht vorgesehen. Wenn erst einmal die Maschine läuft, wird Parker viel rascher neue Verpackungsversionen herstellen zu können. Das Geschäft wird unstrukturierter, schneller, unvorhersehbarer. Und damit wertiger. 200 Meter pro Minute bedruckt die W10-Rollenmaschine aus Rehovot und bei Reflex wird sie wohl auch zum Druck von Etiketten eingesetzt werden. Spätestens, wenn die ersten W10-Modelle ausgeliefert sind, wäre es naheliegend, dass sich Landa auch dem Etikettenmarkt zuwendet.

Süßwaren-Geschäft

Mit seiner Nanografie bemüht Benny Landa die normative Kraft der Inspiration und er tut das offenbar konsequenter als die Konkurrenz. Sehr klar wird das, wenn man sich mit Frank Büsching, Geschäftsführer von Colordruck in Baiersbronn, unterhält. Er baut derzeit rund um die B1-Bogenmaschine S10, die er im kommenden Jahr erwartet, einen ganz neuen Geschäftsbereich samt 3.000 Quadratmeter großer, neuer Druckfabrik auf. Gedruckt werden sollen dann große Mengen an Verpackungen in vielen Versionen und Variationen.  Die Aufträge wird sich Colordruck über ein eigenes Web to Print-System holen. Dann können etwa Naschwerk-Hersteller über das Colordruck-System Onlineshops eröffnen, in denen die Konsumenten  die kalorienreichen Güter in individualisierten Verpackungen ordern können.

Mit seiner Nanografie bemüht Benny Landa die normative Kraft der Inspiration und er tut das offenbar konsequenter als die Konkurrenz.

Mit einem geschlossenen Online-Shop wird Colordruck den Konzernen auch direkt anbieten, Verpackungsmuster oder Kleinauflagen in Auftrag zu geben.

Eine hinreichend große Marktlücke glaubt Büsching darin gefunden zu haben: „Muster und Kleinauflagen im Verpackungsbereich bietet heute kaum einer an – und wenn, dann nur zu hohen Preisen. Wir werden genau das anbieten können und damit für unsere Kunden noch interessanter“. Selbst einen Pull-Effekt für die eigene Offsetproduktion erwartet Büsching durch sein Modell der industriellen Versionierung: „Wir glauben, dass das eine auch günstig auf das andere wirkt. Man muss einfach beide Technologien anbieten können.“, so Büsching.

Eine Ergänzung

Ganz neu gemischt wird das Geschäft beim US-amerikanischen Druckkonzern Quad Graphics durch die Lieferung einer W10P von Landa dagegen nicht.  Der Druckereiriese baut nur den Qualitätsraum aus, den er seinen Kunden anbieten kann. „Wir werden auf Hochglanz-Papieren drucken können und wir können höhere Grammaturen nutzen“, sagt George Forge, bei Quad Graphics für das Digitaldruck-Geschäft zuständig, gegenüber 4c. Die nanografische Neuerwerbung wird daher auch nichts an der Maschinenstruktur in den Drucksälen von Quad Graphics ändern. Die ist bisher stark von den Inkjet-Rollenmaschinen von HP geprägt. „Ohne HP hätten wir gar nicht mit Landa gesprochen. Für uns stellt sich nicht die Frage nach HP oder Landa. Das eine ergänzt das andere“, meint Tom Frankowski, COO von Quad Graphics im Gespräch mit 4c. Die Nanografie, sie ist für die  US-Amerikaner nur eine Zugabe zum Inkjet.

Sammelform-Alternativen

Viel radikaler geht es Cimpress, die größte Onlinedruckerei der Welt, an. Kraftvoll sind die Worte gewählt, mit denen Cimpress-Chef Robert Keane da die Investition in „bis zu 20“ nanografische Systeme ankündigte. Eine „bahnbrechende Technologie“ sei die Nanografie und ein Treiber für eine wahrlich fundamentale Veränderung: Druckjobs von der Offsetproduktion ins Digitale zu schieben. Verblüffend ist, dass Cimpress im Digitaldruck mutmaßlich eine ernsthafte Alternative zum Sammelformdruck mit Offsetmaschinen erahnt. „Man muss doch die Frage stellen, welcher Teil der Fertigung auf diesen Maschinen gut aufgehoben wäre. Vielleicht kann eine solche Maschine ja ein Teilsegment sinnvoll bedienen. Das stellt aber Offset noch lange nicht grundsätzlich infrage“, so der CEO eines deutschen Onlinedruckers, der besser nicht genannt werden möchte. Freilich werden die Klickpreise, mit denen Landa jetzt in den Markt einsteigt, mit jeder neuen Maschine, die produziert, ins Rutschen geraten.

Ein wirksames Instrument

Aber Onlinedruckereien verdienen ihre Marge nicht alleine mit einem möglichst günstig produzierten einzelnen Bogen, sondern mit einem möglichst straffen Prozess, der kaum Toleranzen oder technologische Brüche zulässt. Die Sammelform nivelliert Bruchstellen, die irgendwo zwischen Vorstufe und Weiterverarbeitung auftauchen können.

Der Digitaldruck aber, der seine Überlegenheit gegenüber Offset erst aus vielen Jobwechseln erwirtschaftet, würde die Zahl der Bruchstellen in einer Onlinedruckerei nicht zwingend mindern. Niedrige Auflagen zum Beispiel, in vielen Nutzen auf wenigen B1-Bögen produziert, würden erst einmal nur die Bruchstellen verlagern, hin zur Weiterverarbeitung. Die müsste dann auch für den neuen Takt umstrukturiert werden. „Die Sammelform ist das Kampfinstrument des Offsetdruckers gegen den Digitaldrucker“, sagt der Onlinedrucker gegenüber 4c. Bisher war es jedenfalls ein sehr wirksames Instrument.

Urvertrauen

So ungeklärt derzeit auch bleiben muss, ob Cimpress wirklich 20 Maschinen installiert und ob überhaupt die Auslieferung der multimillionenschweren Bestellungen ganz nach Drehbuch verläuft, so geklärt ist mittlerweile, dass Spott und Hohn ob der bisherigen Verzögerungen kaum nennenswerten Einfluss auf die Kundenbeziehung haben. Das liegt nicht nur an den Perspektiven, die sich für den einen oder anderen mit der Technologie eröffnen mögen. Sondern eben auch an Benny Landa und seinem Team. Tom Frankowski, COO von Quad Graphics: „Benny Landa und Yishai Amir haben lange bewiesen, dass sie gewinnen, sobald sie im Spiel sind. Was Benny Landa ankündigt, das passiert auch“. Mit vierjähriger Verspätung eben. Aber das dürfte für den einen oder anderen Druckereimanager nicht mehr so maßgeblich sein. 

Martin Schwarz

(4c Printausgabe 4/2016)

Lesen Sie weiter auf Seite 2: Wie Xeikon-Chef Wim Maes das Phänomen Landa erklärt und was er mit seiner eigenen Flüssigtoner-Technologie vorhat. 

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