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Zeitungsdruck

21.08.2013 07:31

Der Club der Farbenfrohen

Das Ziel hat sich nicht geändert. Der Weg dorthin aber gravierend. Seit 20 Jahren küren Experten der internationalen Zeitungsorganisation WAN-Ifra im Color Quality Club Zeitungen mit besonders hoher Druckqualität. Manfred Werfel, Produktionsexperte und stelvertretender Chef der WAN-Ifra im 4c-Gespräch über ausgestorbene Begriffe der Produktion und äußerst lebendige Qualitätsstandards.

4c: Was hat sich Ihrer Meinung nach in den letzten bald 20 Jahren am meisten geändert bei der Druckqualität?

Manfred Werfel: Am meisten geändert hat sich die Bedeutung der Farbe im Zeitungsdruck. Vor 20 Jahren steckte der Farbdruck noch in den Kinderschuhen, heute ist die durchgehend vollfarbige Zeitung zum Normalfall geworden. Damit verbunden ist die Frage der Standardisierung des farbigen Zeitungsdrucks. Im Jahr 1994 gab es noch keinen ISO-Zeitungsstandard, der wurde da noch heftig diskutiert und erst vier Jahre später verabschiedet. Auch die Technik des Farbmanagements steckte noch in den Kinderschuhen, Farbmessgeräte gab es kaum in den Druckereien, und wenn, dann waren sei teuer und langsam.

Zeitung war – als erstes Massenmedium des Industriezeitalters – früher in erster Linie auf den schnellen Druck einer großen Menge an vorwiegend textlicher Information ausgerichtet. Erst nach der Umstellung vom Hoch- auf den Offsetdruck, der mit den 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts praktisch abgeschlossen war, rückte der Farbdruck in den Bereich der Möglichkeiten. Schnell griff die Werbung dies auf und forderte immer mehr Farbanzeigen. Daraufhin wurden die frühen Offset-Zeitungsrotationen zunächst einmal technisch aufgerüstet, um – wenn auch noch lange nicht auf allen Seiten – den Farbdruck maschinenseitig überhaupt zu ermöglichen.

Das hieß dann aber noch lange nicht, dass die entsprechende technische Vorstufe in den Verlagen und bei den Anzeigenlieferanten darauf eingestellt war, die Voraussetzungen für hochqualitativen farbigen 4c-Druck in der Zeitung zu liefern. Es gab keine erprobten Reproduktionsverfahren für den Zeitungsdruck, geschweige denn Standard-ICC-Profile, so wie heute. Deshalb wurde der Color Quality Club von der damaligen IFRA ins Leben gerufen mit dem ausdrücklichen Ziel, das Qualitätsbewusstsein und die erforderlichen Kenntnisse in der Zeitungsindustrie zu entwickeln.

Gibt es da einen Qualitätsbegriff, der früher enorm wichtig war, heute aber gar keine Rolle mehr spielt?

In den vergangenen 20 Jahren hat sich der Reproduktions- und Druckprozess enorm verändert. Es gab ja noch kein CTP, sondern die Formherstellung basierte auf Film oder sogar vielfach noch auf der kombinierten Papier-/Filmmontage von Artikeln, Überschriften und Anzeigen zur ganzen Seite, die dann mittels Projektionsbelichtungssystem kontaktlos auf die Druckplatte kopiert wurde. Zu dieser Zeit war die Qualität der Filmbelichtung und der anschließenden passgenauen manuellen Montage ein zentraler Qualitätsfaktor. Die Filmqualität konnte bis auf die Rasterpunktgröße mit einer Lupe ganz gut untersucht werden. Darauf konzentrierte sich ein Gutteil der Qualitätskontrolle. Heute ist der Produktionsschritt Film komplett weggefallen. Was eine Hohlkopie ist, weiß heute kein Mensch mehr. Sie war damals ein gefürchteter Fehler, der oft durch Klebestreifen bei der Seitenmontage entstand und zu Fehlstellen im Druck führte.

Welche Materilaien im Druckprozess sind heute bei der Zeitungsproduktion ein besonders wichtiger Faktor für Qualität – und welchen sollte man sich mehr widmen?

Heutzutage wird der Qualität der Plattenbelichtung und -Entwicklung viel mehr Aufmerksamkeit gewidmet. Aber das eigentliche Medium, das das Druckbild auf das Papier überträgt, ist ja weder der heute obsolete Film noch die Druckplatte, sondern das Drucktuch. Eigentlich müßte die Qualitätssicherung sich mehr der Qualität der Drucktücher widmen. Aber das kann man eben schlecht mit der Lupe oder mit einem einfachen Messgerät machen.

Ein anderer Begriff, der einmal im farbigen Zeitungsdruck eine enorme Rolle spielte und heute vollständig verschwunden ist, ist der Druck von „Schmuckfarben“. Weil viele Anzeigenagenturen den 4c-Farbdruckfähigkeiten der Zeitungsdrucker nicht so recht trauten, verlangten sie den Einsatz von kundenspezifischen Schmuckfarben. Viele Zeitungen kamen diesem Wunsch zunächst nach, bis nach einigen Jahren die Situation vollkommen unüberschaubar wurde. Zeitungsdrucker mussten Hunderte von speziell angemischten Farben vorhalten. Die wurden durch die Lagerhaltung nicht besser und mussten regelmäßig entsorgt und neubeschafft werden. Eine große Zeitungsdruckerei im Rhein-Main-Gebiet hatte jede Menge Viertelfarbkästen für ihre Druckmaschinen angeschafft, um diese vielen Sonderfarben überhaupt drucken zu können. Zusätzlich leistete man sich am Schluss sogar eine eigene Farbmischanlage, um die meist geringen Sonderfarbmengen selbst nach Bedarf herstellen zu können.

Diese Situation änderte sich schlagartig, nachdem die Verlage ihre Preislisten überarbeiteten: Während früher eine Schmuckfarbenanzeige preiswerter angeboten wurde als eine Vierfarbanzeige, wurde gegen Ende des letzten Jahrhunderts das Verhältnis umgekehrt. 4c wurde preiswerter als Schmuckfarbe. Mit einem Mal war die bis dahin oft hitzig geführte und mit vielen vermeintlich „technischen Argumenten“ angereicherte Debatte über die Möglichkeit und Unmöglichkeit der richtigen Farbwiedergabe beendet. Übrig blieb eine historische Episode.

Wie viel Qualitätsunterschiede sind eigentlich noch möglich, wenn doch alle Prozesse und Technologien mittlerweile standardisiert sind?

Standardisierung ist nicht der Feind der Differenzierung, das war nie so. Aber oft wird Standardisierung in dieser Weise missverstanden. Standardisierung ebnet im Gegenteil dem Wettbewerb den Weg. Nur wer standardisiert arbeitet, kann auch verläßlich mit seinen Lieferanten und Kunden kommunizieren. Insofern hat der Zeitungsdruckstandard ISO 12647-3 und das von WAN-IFRA auf dieser Basis entwickelte ICC-Standardprofil viel zur Etablierung des heute so selbstverständlichen vollfarbigen Zeitungsdrucks beigetragen.

Zeitungen meinen heute, auch tägliches Magazin sein zu müssen, sie möchten ihren Anzeigenkunden mit Heatset-Strecken auch diese magazinige Anmutung bieten. Welche Auswirkungen hat das auf die Qualitätsstandards in der Zeitungsproduktion?           

Aber die Welt bleibt nicht stehen. Neue Anforderungen erfordern neue technische Lösungen. Und so gibt es heute beim International Newspaper Color Quality Club nicht nur eine technische Teilnehmer-Kategorie, sondern vier. Der Standard-Coldset-Zeitungsdruckprozess ist auf ISO-Ebene standardisiert. Daneben sind zusätzliche Druckprozesse entstanden, die für den Zeitungsdruck verwendet werden. Wir sprechen etwas unscharf von „Semi-Commercial“-Prozessen, die sich durch die Verwendung glänzender und gestrichener Papiere sowie den Einsatz von Trocknungs- oder UV-Härtungssystemen auszeichnen. Eine Alternative stellt die Lackierung dar. All das kann der Zeitungsdruck heute anbieten. Im Ergebnis verwischt die Qualitätsgrenze zwischen dem Zeitungsdruck und dem Heatset-Rollenoffset.

Aber all diese unterschiedlichen Prozesse können auch dokumentiert und hinsichtlich der jeweils möglichen Qualität geprüft werden. Und wenn sie eine ausreichende Bedeutung auf dem Markt entwickeln, kann es sinnvoll werden, neue zusätzliche Standards neben dem Coldset-Standard zu etablieren. Somit stellt die Standardisierung eines Prozesses immer nur einen Schritt in der Weiterentwicklung des Zeitungsdrucks dar.

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