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Paywalls

22.04.2014 09:59

Blendende Idee

Ein niederländisches Startup errichtet mit Blendle ein Paywall-System, das Nutzern von iTunes her bekannt vorkommen sollte. Ob sich Blendle durchsetzen wird, hängt vor allem von der Bereitschaft der Nutzer ab, Artikel hinter der Bezahlschranke in den sozialen Medien zu empfehlen.

Die Zahlungsbereitschaft des Niederländers Marten Blankesteijn grenzt in einem Kosmos, der von Gratiskultur dominiert ist, beinahe an Mäzenatentum. Denn Blankesteijn, Gründer des neuen Paywall-Systems Blendle, zahlt, auch wenn er nicht müsste. „Jeder Song, den ich hören will, ist auf Youtube kostenlos erhältlich. Dennoch bezahle ich für Spotify. Jeder Spielfilm, den ich sehe, ist auf Piratenbörsen gratis zu haben. Dennoch bezahle ich für Netflix.“, sagt er. Blankesteijns Schlussfolgerung aus dem eigenen Nutzungsverhalten: „Menschen bezahlen gerne für großartige Inhalte, solange sie bekommen, was sie wollen und die Bedienung einfach ist.“

Diese Überzeugung hat Blankesteijn und seinen Partner Alexander Klöpping dazu geführt, mit dem Paywall-System Blendle ein Angebot aufzubauen, das ähnlich dem von Apple etablierten iTunes-Kiosk funktioniert. Der Online-Kiosk verkauft hinter einer Bezahlwand stückweise Artikel wie es iTunes mit Songs und Alben tut. Der Blendle-Kiosk ist auch keine App, sondern eine auf HTML5 basierende Website.

Mit Startguthaben

Entscheidend für das Funktionieren des Systems sind die Empfehlungsfunktionen. Ähnlich wie es auch Amazon macht, lernt Blendle mit der Zeit die Vorlieben und Interessen der Nutzer kennen und richtet danach die Auswahl der angezeigten Artikel aus. Noch mehr Erwartungen als an die Automatismen haben die Blendle-Gründer an die sozialen Medien: „Teilt ein Leser einen Artikel bei Facebook oder Twitter, können Freunde und Follower den Artikel allerdings nicht gleich lesen, sondern stehen vor einer Bezahlschranke.“, so Blankesteijn. Unter der allerdings können neue Nutzer ohne finanzielle Verrenkungen zuerst einmal durchmarschieren: „Es gibt ein Startguthaben von 2,50 Euro, mit dem man den ersten Artikel gleich lesen kann.“

Störrische Verlage

User wollen ihren Medienkonsum auf eine einfache Art bezahlen, das soll das Prinzip des „Klick-per-Artikel“ gewährleisten. „Das ist so unglaublich einfach – besonders im Vergleich zu den abschreckenden Paywalls der Verlage“, erklärt Blankesteijn. Die Gebühr wird vom Leserkonto abgebucht. Der Menschenverstand und die Erfahrung lehren, dass eine reine Flatrate populärer wäre. Für eine Flatrate sind die Verlage aktuell allerdings noch nicht bereit, weiß Marten Blankesteijn. Er kennt auch den Grund: „Ein Zeitungsabo kostet rund 30 Euro im Monat. Wenn Blendle alle Zeitungen und Magazine für rund 10 Euro im Monat anbieten würde, befürchten die Verleger einen enormen Verlust an Abonnenten.“ Bei Blendle entscheiden deshalb die Verlage, wie hoch der Preis für einen Artikel ist. Bei angekündigten Preisen zwischen 10 und 80 Cent pro Artikel dürfte es dann doch einige schütteln. Letztlich wird der Markt die Preisgestaltung regeln. Die Kosten werden von einem Prepaid-Guthaben abgezogen. Wem ein Artikel nicht gefällt, der bekommt das Geld zurück – zumindest solange er nicht als auffällig bezahlfaul gilt.

Ideele Bereicherung

Die meisten großen niederländischen Zeitungen wie NRC, De Volkskrant oder Brabants Daglad haben die Blendler schon überzeugen können, ebenso das größte niederländische Wissenschaftsmagazin Quest.

Begehrlichkeiten, den Markt außerhalb der Niederlande zu erobern, erklärt Blende bereits frühzeitig. „Wir hatten schon Treffen mit deutschen Verlegern“ sagt Blankesteijn. Ob das letztlich in geschäftlichen Aktivitäten mündet, ist aktuell unbestimmt. „Das hängt von den Verlegern ab.“ Wahrscheinlicher ist, dass Blendle vorerst eine rein niederländische Angelegenheit bleibt, ähnlich wie es Piano für die Slowakei ist.

Gestartet werden soll noch im April. Immerhin 18.000 Menschen haben sich bei Blendle schon vorab registrieren lassen, dürften also zumindest ernsthaftes Interesse an der Nutzung des Dienstes haben.

Die Erwartungen an das iTunes für journalistische Arbeit sind vorerst nicht allzu hoch. „Ich erwarte, dass uns Blendle an Erfahrungen und Ideen bereichert – nicht an Geld.“, sagt Quest-Chefredakteur Thomas Hendriks. 

Ingo Woelk

(4c Printausgabe 3/2014)

 

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