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Onlinedruck

16.05.2017 09:53

Kein namenloses Produkt

Visitenkarten sind das Basisprodukt der meisten Onlinedruckereien: schnell zu produzieren, stets gut für einen zünftigen Preiskampf mit der Konkurrenz, pures Commodity-Geschäft. Die Onlineprinters verkaufen nun allerdings auch eine Variante an Visitenkarten, die sich schon aus produktionstechnischen Gründen der Logik des Onlinedrucks entzieht.

Da wächst nun also zusammen, was eigentlich nicht zusammen gehörte: die beinahe in nostalgische Sphären entrückte Herstellung von Druckprodukten mit Heidelberger Tiegeln und die Bestellung dieser Produkte per Klick, in Sekundenschnelle. Doch die bayerischen Onlineprinters und das nordrhein-westfälische Letterpress-Studio Letterjazz haben diese beiden technischen Animositäten nun vereinigt. Über die Onlineprinters-Website können Kunden nun Letterpress-Visitenkarten bestellen. „Mit dem Anspruch, als kompetenter Dienstleister ein sehr breites Produktspektrum anzubieten, ist es für eine Onlinedruckerei wichtig, solche Dinge wie Letterpress anzubieten, auch wenn das sicherlich kein Volumenprodukt wie zum Beispiel ein 130-Gramm-Flyer ist“, kommentiert Michael Fries, CEO der Onlineprinters. „Es ist aber doch ein sehr elegantes Produkt, was von seiner Produktspezifikation, der Visitenkarte, her sehr gut zu uns passt. Mit Letterpress wird einfach noch eine höhere Wertigkeit transportiert.“ Diese Wertigkeit spiegelt sich im Preis wider. 100 Stück der günstigsten Visitenkarten-Variante kommen auf rund 230,- Euro im Letterpress-Druck. 100 Stück gewöhnlicher Visitenkarten kommen auf knapp ein Zehntel dieses Preises.

Der Moleskine-Effekt

Billiger muss es aus Marketing-Perspektive auch nicht sein: wer seine Visitenkarten unbedingt mit dem Letterpress-Verfahren produziert haben möchte, dem ist die visuelle und haptische Botschaft wesentlich wichtiger als die bloße Funktion der Visitenkarte als Träger einer Information. Es ist fast wie bei Notizbüchern von Moleskine: sie kosten zehn Mal so viel wie ein herkömmliches Notizbuch, sie können exakt so viel wie ein herkömmliches Notizbuch, aber der psychologische Kammerton der Distinktion, den ein solches Buch aussendet, ist nicht in Geld aufzuwiegen.

Natürlich ist es aber auch die Fertigung, die dazu beiträgt, dass der Preis der Visitenkarten so hoch sein muss. „In der Tat lebt der konventionelle Onlinedruck vom Prinzip des industriellen Vierfarbdrucks, von der Möglichkeit, Sammelformen zu bilden und von einem sehr hohen Grad der Automatisierung. All das lässt sich mit Letterpress nicht vereinbaren. Es ist und bleibt eine Einfarbdrucktechnik. Insofern können wir einige technische Voraussetzungen, die im industriellen Onlinedruck gegeben sind, mit Letterpress nicht einhalten“, schildert Sven Winterstein, Chef von Letterjazz, die größte Problematik.

Wenigstens muss bei einer Visitenkarte das Format nicht neu erfunden werden und die Papierqualitäten können auf zwei bis drei Sorten minimiert werden. „Damit ist zwei Drittel der Visitenkarten-Kunden schon Genüge getan. Sie können hochwertig produzierten Letterpress bestellen, ohne den Rest der Woche mit der Druckerei zu kommunizieren. Sie laden die Datei hoch und los geht es“, erläutert Sven Winterstein. Das ist der Wunsch der Kunden, der bei Letterpress bislang oft auf Grenzen stößt.

Die Nachfrage geht auch über die Visitenkarte hinaus. „Mit Letterpresso werden ganz erfreuliche Umsätze erzielt. Die Visitenkarte ist zwar der Klassiker unter den Onlineprodukten, aber wir haben durchaus auch unkonventionelle Dinge wie beispielsweise Bierdeckel, Medienverpackungen oder Schachteln im Angebot“, so Sven Winterstein. Es ist also davon auszugehen, dass mit erfolgreicher Einführung der Visitenkarten auf Dauer auch noch andere Produkte bei Onlineprinters und diedruckerei.de eingeführt werden.

Der Weg durch die Produktion

Nun muss das standardisierte Produkt aber auch zumindest einigermaßen automatisiert produziert werden können, damit sich das Ganze auch rechnet. Das geht bei Letterpress in erster Linie über die Daten. Diese müssen erst einmal möglichst reibungslos von A nach B gelangen. Die größte Herausforderung für die Onlinedruckerei ist es also, die Beschränkungen des Letterpress-Verfahrens zu verstehen. „Man muss schon auf das ein oder andere achten, was die Datenqualität und die Gestaltung angeht. Es gibt beispielsweise gewisse Einschränkungen bei Linienstärken und Typografie. Zudem kann ein Letterpress-Produkt maximal zweifarbig angeboten werden“, erklärt Michael Fries. „Wir erklären unseren Kunden, was sie bei der Datenerstellung berücksichtigen müssen, damit wir eine PDF-Datei erhalten, die für den Letterpress wirklich geeignet ist. Diese Datei wird geprüft und dann mit der Definition des zu fertigenden Produkts an Letterjazz weitergegeben.“

Auf Basis der Daten werden bei Letterjazz dann relativ automatisiert die Hochdruckplatten erstellt. „Das passiert mit ganz wenigen manuellen Eingriffen, so dass letztendlich die Herkunft der Daten aus einem Onlineshop hausintern keinen großen Unterschied darstellt“, schildert Sven Winterstein.

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Was die Produktion angeht, ist letztlich dann aber gar nichts mehr automatisiert oder industrialisiert. Jeder Onlinedruckauftrag wird lediglich onlineverträglich eingefangen und in Form einer automatisierten Auftragstasche dargestellt. Die reine Herstellung läuft immer noch auf die althergebrachte Art, so wie man in den sechziger Jahren ein Hochdruckklischee auf einem Heidelberger Tiegel reproduziert hat. „Ich bin auf eine Welt von Maschinen und Herstellungsverfahren angewiesen, die sich seit Jahrzehnten nicht mehr verändert oder entwickelt hat. Von dem, was bei Onlineprinters in Neustadt an der Aisch automatisiert ist, sind wir Jahrzehnte entfernt. Und das wird auch so bleiben“, kommentiert Sven Winterstein.

Mehr Kundschaft, weniger Mainstream

Der Onlinedruck entwickelt sich und wird in seinem Angebot immer vielfältiger. „Je mehr Kunden wir bedienen, je mehr Kunden auf unseren Seiten täglich unterwegs sind, umso eher können wir auch solche Produkte bei uns im Shop aufnehmen und sinnvoll vermarkten, die nicht absoluter Mainstream sind. Dazu gehört das Thema Letterpress“, fügt Michael Fries hinzu. „Sicherlich ist die Fertigung eine völlig andere als die, die wir aus dem Offset- oder Digitaldruck kennen. Aber dafür haben wir den Spezialisten, der diese Fertigung sehr gut beherrscht und auch noch viel mehr könnte als das, was wir zurzeit in unseren Shops anbieten.“

Anja Schlimbach

(4c Printausgabe 3/2017)

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