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Joseph Binder Award 2016

14.03.2017 11:52

Schaffensriese

Bei der Vergabe von Designpreisen, internationalen zumal, tut sich Österreich ja nicht unbedingt hervor. Mit einer Ausnahme: den Joseph Binder Awards. Unter den hunderten Einsendungen aus 27 Ländern konnten sich diesmal sechs Arbeiten aus dem deutschsprachigen Raum besonders sehen lassen.

Ein internationales Teilnehmerfeld, keine Abzocke der Teilnehmer durch hohe finanzielle Hürden bei der Einreichung, eine ernstzunehmende Jury und eine für österreichische Verhältnisse beachtliche mediale Sichtbarkeit bilden für die Joseph Binder-Awards ein Setting, das diesen Designpreis gerade in Österreich außergewöhnlich erscheinen lässt. Auch im Jahr 2016 hat der Preis deshalb wieder einen neuen Teilnehmerrekord geschafft. Designer aus 27 Ländern reichten insgesamt 720 Arbeiten in den 15 Kategorien ein. Sechs Arbeiten aus dem deutschsprachigen Raum erhielten Gold-Awards.

Raster mit Funktion

What IF? Was wenn? Eine simple Frage. Und ein Wortspiel. Denn IF ist nicht nur ein englisches Wort. Es sind auch die Initialen der Letterpress-Druckerei Infinitive Factory in Graz. Rund um die Initialen baute das steirische Designstudio Bruch ein Markenbild auf, das in sich wiederum das Letterpress-Verfahren visualisiert. „Allen voran galt es auch den Anspruch und die vielfältigen Produktionsmöglichkeiten der Infinitive Factory dem Endkunden näher zu bringen. Die Auswahl an Papieren, Farben, Folien, Veredelungen sind unzählig, das wollten wir in unserer Gestaltung aufgreifen“, sagt Josef Heigl, Mitgründer des Designstudios Bruch. Die Lösung ist ein Raster, resultierend aus den beiden Initialen IF, der sich flexibel an Formate anpassen lässt, ähnlich dem Einrichten der Druckklischees. Innerhalb dieses Rasters gibt es dann die Freiheit einer facettenreichen Befüllung, egal ob mit Text, Grafiken oder Illustrationen. Also doch nicht so simpel. 

Neues Periodensystem

Kaum mehr als eine unerfreuliche Erinnerung an die Schule ist das Periodensystem für viele Menschen. Damit diese Chemie wieder stimmt, hat die Baseler Schule für Gestaltung "Rediscovering" erfunden, ein Buch, das die Elemente des Periodensystems behandelt. Der Schweizer Grafikdesigner Konstantin Eremenko hatte die Idee, das Periodensystem gleichsam neu zu strukturieren. Jede Elementgruppe, also Halbmetalle, Actinoide oder Edelgase haben eine eigene Farbe und ein Symbol. Das hat die Jurymitglieder überzeugt: Gold in der Kategorie Editionsdesign Buch.

Bilder des Belanglosen

Missionarischer Eifer liegt Boris Bromberg fern. „Das Schöne an dem Buch ist, dass es keine Botschaften oder Moralisches enthält. Mir würde auch nichts Schlaues einfallen, das ich anderen Menschen mit auf den Weg geben wollen würde“, sagt der Illustrator des nun preisgekrönten Buches "Die Finger an den Füßen". Das Kinderbuch hat Bromberg unter zwei Pseudonymen illustriert: Als Yeye Weller zeichnet er fast schon minimalistisch, doch als Lumen von Borsody werden die Illus verspielt. „Als Autor hat mich das klassische Kinderbuch mit seinen einsamen Rittern und fliegenden Schweinchen nie wirklich interessiert. Dieses Buch ist eine Hommage an die Belanglosigkeiten“, so der Illustrator. Sechs Monate verbrachte er mit der Illustrationsarbeit. „Gradmesser einer guten Illustration ist die Ausgewogenheit“, sagt er dazu. Die Jury belohnte die moralische Indifferenz mit Gold in der Kategorie Buchillustration.

Bulgakows Bilderkosmos

Alles fing damit an, dass Christian Gralingen im Radio einen Bericht über die neu übersetzten frühen Werke des russischen Autors Michail Afanassjewitsch Bulgakow hörte. So wurde Gralingen auf das Buch "Das hündische Herz" aufmerksam. „Der Inhalt erschien mir herrlich böse und erfrischend modern", so Gralingen. Einige Wochen spägter erhielt er - zufällig - den Auftrag, das Buch zu illustrieren. Die Arbeit begann er klassisch: in der Bibliothek. „Obwohl mir die russische Avantgarde der frühen 20er Jahre durchaus bekannt war, begriff ich durch die Recherche erst wieder, mit welchen massiven technischen Neuerungen, gesellschaftlichen Umwäzungen und neuen Ausdrucksmitteln in der Kunst sich die damalige Gesellschaft konfrontiert sah“, so Gralingen. Die Herausforderung war dann, einen Bilderkosmos zu erschaffen, in der sich sowohl der groteske Stil Bulgakows als auch der Geist einer rasant verändernden russischen Gesellschaft widerspiegelt. “Im besten Fall sollte die Illustration ein eigenständiges Element der Geschichte sein, nicht nur bloßes Anhängsel. Sie muss dem Betrachter Türen zu neuen, unbekannten Ebenen des Textes eröffnen”, erklärt Gralingen seine Definition einer guten Illustration. Die Jury lobte seine detaillierten, durch starke Ornamentik geprägten, mit technischen Konstruktionszeichnungen verfeinerten Collagen und krönte seine Illustrationen mit Gold in der Kategorie Buchillustration.

Konflikte schauen

Wie visualisiert man Streit auf einem Print-Sujet? Mit dieser Frage wurden Karoline Mühlburger und Silvia Keckeis vom Gestaltungsbüro Kaleido konfrontiert. Die "Montforter Zwischentöne", ein Vorarlberger Kulturfestival, widmete sich dem Thema "Streiten zum Glück Konflikt" und suchte ein Konzept zur visuellen Kommunikation. Mühlburger und Keckeis entdeckten, dass Konflikte wohl am eindrücklichsten mit starken Farben und Formen dargestellt werden könnten. Die zwei abstrakt dargestellten, voneinander abgewandten Gesichter, die man auf dem Sujet sieht, waren recht schnell fertig. Doch damit war die Sache nicht erledigt. „Es war uns auch wichtig, einen Bezug zur Veranstaltungsreihe herzustellen“, so Mühlburger. Konflikt erzeugt Resonanz, meint sie. Es lag also auf der Hand, irgendwo einen Resonanzkörper einzubauen. Eine ähnlich metaphorische Funktion beanspruchen auch die Montforter Zwischentöne für sich. Zwischen den zwei Gesichtern ist deshalb ein Cello zu sehen. Fünf, vielleicht sechs Illustrationen fertigten sie, bis sie zufrieden waren. Aber die Kreativität und die Geduld lohnten sich. „Uns hat die typografische, illustratorische Umsetzung des Sujets und deren Anwendung für die verschiedenen Applikationen überzeugt“, sagt Jurychef Gion Fry. „Auch die Wahl der Farben im Zusammenspiel mit der Typografie waren einzigartig und zeugten von qualitativ hochwertigem technischem und handwerklichem Können“, legt er nach. Deshalb gab es Gold in der Kategorie Kommunikationsdesign. 

Windischs Handicap

Eine Trendsportart ist es ja nicht unbedingt, mit der sich die junge Designerin Lena Windisch für ihr Projekt beschäftigt hat: "123" ist ein Typografie-Projekt, das die Bahnen einer Minigolfbahn als Font anlegt. "Ich mag den oft eigenwilligen Charme, den Minigolfbahnen in ihrem gewohnten Terrain versprühen. Das Projekt 123 ist im wahrsten Sinne des Wortes eine sehr spielerische Annäherung an die Gestaltung von lesbaren Schriftzeichen.", sagt Windisch gegenüber 4c. "Mein Ziel war es, die Normvorstellungen bei der Schriftgestaltung zu überwinden und spannende dreidimensionale Objekte zu erzeugen.", sagt Windisch - und stieß bei ihrer Abreit auch glatt auf ein Handicap:  "Eine Herausforderung war, die Bahnen so zu gestalten, dass theoretisch die Möglichkeit besteht, mit einem Zug in das Zielloch zu gelangen. Das hat sich natürlich auch auf das Aussehen der Minigolfbahnen ausgewirkt". Man erahnt es: Windisch hat nicht nur Ahnung von Typografie, sondern auch vom Golfen. Für beides zusammen erhielt die Studentin der Kunsthochschule Halle den erstmals bei den Binder Awards vergebenen ico-D Excellence Award.

Muhamed Beganovic

(4c Printausgabe 1/2017)

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