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Illustrationen

09.07.2015 08:51

"Der Bleistift suggeriert Persönlichkeit"

Eine Illustration von ihm hat Barack Obama bei seinem Staatsbesuch in Deutschland als Geschenk erhalten, Medien wie das „ZEIT Magazin“ oder der „New Yorker“ lassen von ihm Covers illustrieren. Der deutsche Illustrator Christoph Niemann pflegt die komplexe Erzählung per Pinselstrich wie nur wenige andere. Mit 4c sprach er über die Vergänglichkeit von Smileys, das Zeichnen während eines Marathons und die schnelle visuelle Pointe.

4c: Sie bloggen, sie verdichten Weltereignisse in pointierten Zeichnungen. Sind die Illustratoren in die Rolle der politischen Kommentatoren gerutscht? 

Niemann: Was ich auf keinen Fall will durch meine Zeichnungen: irgendjemanden belehren. In der Rolle des politischen Karikaturisten würde ich mich auch nicht sehr wohlfühlen. Im Endeffekt ist das, was Karikaturisten produzieren, auch immer nur eine Retortenmeinung, dadurch definiert, was und wem man vorher schon geglaubt hat. Außerdem gibt es Menschen, die sich auch irsinnig gut in ihrer Meinung vorkommen.

Es ist vielleicht schon ein Kommentar, was ich mache, aber es ist eher in einer Form, als würde ich am Abend mit einem Freund zusammensitzen und mich zeichnerisch darüber unterhalten, was ich den ganzen Tag so in der Zeitung gelesen habe. Wenn ich etwas zeichne zum politischen Geschehen, dann als Christoph Niemann, als Mensch mit denselben Unzulänglichkeiten und Informationsdefiziten wie jeder durchschnittliche Medienrezipient. Und mit derselben Hilflosigkeit mit der man vor manchen Themen steht, wo man sich auch einmal wünschen würde, dass auch Experten einfach mal zugeben, dass sie ganz schön verwirrt sind von gewissen Ereignissen.

Die Rolle des Illustrators ist aber längst nicht mehr jene, die schönen Gedanken anderer zeichnerisch zu verschönern. Dürfen jetzt Illustratoren endlich Autoren sein und sich eigene Gedanken machen? 

Es hat sich natürlich die ganze Medienlandschaft extrem verändert. Die Medien sind als Transporteur der Informationen nicht mehr so relevant. Es geht bei den großen Medien eher darum, die zweite Ebene zu erzählen. Zum Beispiel: Was in Griechenland passiert und passiert ist, wissen wir. Jetzt geht es eher um neue Interpretationsansätze oder Angebote, wie man das einordnen kann. Und dafür ist das Bild, die Illustration meiner Meinung nach noch immer ein hervorragendes Medium.

Sie arbeiten gleichsam als visueller Erzähler. Wie balancieren Sie Ihre visuelle Sprache zwischen langweilig und unverständlich aus?

Für mich ist das Zeichnen im Grunde wie die Sprache. Sie hat sich über Jahrtausende herausgebildet. „Ich liebe dich“ sind auch nicht mehr als ein paar Laute. Sie bedeuten für die Sprecher anderer Sprachen nichts, für Tiere ist das auch nur ein Grunzen. Aber wir haben uns als Kultur darauf geeinigt, dass diese Worte eine unfassbare Tragweite haben.  In seiner Schlichtheit ist „Ich liebe Dich“ sogar noch effektvoller als „Ich liebe dich  sehr“. In der Zeichnung ist es also wie in der Sprache. Oftmals ist sie eine Formel, die für etwas anderes steht. Wenn ich den Satz sage, meine ich viel mehr als nur den Satz. Ich meine alle meine Erfahrungen, die ich mit „Ich liebe dich“ gemacht habe mit. So wie ich Bilder verwende, ist es auch wichtig, was das Bild für den Betrachter schon bedeutet.

Ist die zeichnerische Pointe also ein Austarieren zwischen dem, was ich explizit zeige und wie viel man implizit voraussetzt? 

Es funktioniert ja in den Zeichnungen nicht wie in einem Film, in dem ich in epischer Breite jeden Charakter vorstelle. Vieles wird implizit vorausgesetzt.  Vieles erfüllt Erwartungen. Aber manchmal muss man auch damit brechen, neue Verbindungen herstellen, indem Dinge aufeinander losgelassen werden, die normalerweise so nicht aufeinander prallen. 

In der Ausstellung „Unterm Strich“  im Wiener Museum für Angewandte Kunst (MAK) hängen auch Zeichnungen, die sich auf kollektiven Erfahrungsschatz beziehen: die Mühen des Langstreckenflugs.

Diese Geschichte funktioniert nicht für jemanden, der noch nie geflogen ist. Hier braucht es eine Schnittmenge von Erfahrungen. Aber natürlich könnte ich auch versuchen, die Idee eines Langstreckenfluges lustig jemandem erklären, der noch  nie geflogen ist. Hier funktioniert es wie in einem Dialog mit Rezipienten des Bildes, bei dem man sich über eine gemeinsame Erfahrung, gemeinsame Erlebnisse austauscht. Etwa über die Frage der Armlehnenhoheit und der obligatorischen Frage nach Pasta oder Huhn. Doch spannend blieben die Bilder nur, wenn man auch die Erwartungen bricht. Die gemeinsame Erfahrung ist ja der Ausgangspunkt der Geschichte, nicht ihr Endpunkt. 

Bilder, sagt man, sind Worten überlegen, weil sie sich noch schneller erschließen. Wie schnell müssen Bilder tatsächlich funktionieren?

Es kommt darauf an. Wenn ich ein Cover für den „New Yorker“ zeichne, weiß ich, dass es in drei Sekunden funktionieren muss, sonst hat es die Aufgabe des Mediums nicht erfüllt. Wenn ich Zeichnungen wie etwa für das Buch „Es gibt nichts Gutes außer man tut es“ von Erich Kästner mache, ist die Geschwindigkeit natürlich deutlich reduziert. Ich denke sogar, es gibt Beispiele in diesem Buch, wo ich ganz bewusst damit spiele, dass es eigentlich unmöglich ist, dass sich die Bedeutung der Zeichnung auf den ersten Blick erschließt. Da ist es etwas ganz anderes als beim schnellen Durchblicken von Bildergalerien im Internet.

Das Erich Kästner-Buch wirkt so, als hätten sie seine Aphorismen mit ihren visuellen Aphorismen ergänzt.

Erich Kästner hat seine Epigramme sprachlich schon so zugespitzt und ausgefeilt, dass ich mich zunächst gefragt habe, was ich da bildlich noch dazu beitragen kann. Dann sind mir alte Bücher in die Hände gefallen, mit den persönlichen, hingekritzelten Notizen an den Rändern, wie man sie kennt. So sind die Zeichnungen weniger Illustration als persönliche Anmerkungen und Randnotizen, was ich mit einem sehr subjektiven Bleistiftstrich unterstreichen wollte. Eine Vektorgrafik würde ja eher Allgemeinverständlichkeit suggerieren. Der Bleistift suggeriert Persönlichkeit.

Sie setzen sich auch gerne mit den hohen Rezeptionsgeschwindigkeiten auseinander, arbeiten viel auf Instagram, Blogs und neuen Medien. Kann der traditionelle Zeichenstift dort überhaupt eine Rolle spielen?

Ich fühle mich in beiden Geschwindigkeiten zuhause. Man kann die neuen Möglichkeiten der Medien auch für sich als Zeichner nützen. Ich habe mal für die „New York Times“ den New York Marathon live illustriert. Auf 42 Kilometer habe ich 46 Zeichnungen gemacht und online gestellt. Da bin ich etwa versehentlich an dem Stand, an dem sie Bananen verteilen, vorbeigerannt, ich habe ein Zeichnung gemacht, ob ich umdrehen sollte und die Leute aufgefordert, mir doch Bananen zur nächsten Ecke zu bringen. Und dort standen sie dann auch - mit Bananen.

Haben Sie nicht Angst als Zeichner, dass das Internet Ihre Referenzgrundlage, den kulturellen Kanon, auf denen sich Pointen gerne beziehen, zu sehr fragmentiert, und keiner mehr den Witz versteht?

Im Gegenteil: Ich denke, dass Internet und die globale Verbreitung schafft eine ganz neue popkulturelle Grundlage, auf die man sich als Zeichner und Erzähler beziehen kann. Es gibt immer mehr Dinge, die durch neue Medien wie Instagram zum Allgemeingut und neuen Referenzpunkten werden. Doch vieles bleibt nicht und ist in ein paar Jahren wieder vorbei. Denken Sie an die Emoticons. Heute haben wir Emojis. Früher dachten wir, der Smiley aus Doppelpunkt, Strich und Klammer bleibt für immer. 

Norbert Philipp

(4c Printausgabe 4/2015)

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