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Grafik-Software

03.08.2016 10:07

Keine Kontrollfreaks

Das neue Quark Xpress 2016 arbeitet ganz ohne Cloud und ist als unbegrenzte Kauflizenz zu erwerben. Das ist sympathisch. Noch dazu hilft das Programm mit einigen sehr klugen Lösungen, auch komplexe Designaufgaben gut zu bewältigen.

Einige Anwender werden die virtuellen Wolken, in denen zu arbeiten sie gezwungen sind, vielleicht schon als enges Produktivgehege wahrnehmen, aus dem zu entkommen schwierig ist. Adobe als Marktbeherrscher hat mit der rigorosen Einführung der Cloud im Jahr 2013 viele User vor den Kopf gestoßen und tut das konsequent weiterhin, indem die Abhängigkeit durch die Einbindung in verschiedene cloudbasierte Prozesse immer mehr verdichtet wird.

Während Adobe also Wachstum über Abhängigkeit definiert, geht es der kleinere Konkurrent Quark deutlich entspannter an. XPress 2016 wird wie die Vorgängerversionen als zeitlich unbegrenzte Kauflizenz angeboten. XPress 2016 ist kein Update von Vorgängerversionen, sondern eine neue, eigenständige Version. Die Installation erfolgt über eine Seriennummer. Programmerweiterungen aus XPress 2015, die sogenannten XTensions, sind auch unter der neuen Version lauffähig. Die Jahreszahl lässt vermuten, dass nun auch im Jahresrhythmus neue Versionen erscheinen. Doch es bleibt den Anwendern selber überlassen, Versionen zu prüfen und nach Gutdünken zu kaufen – oder eben nicht. Man muss nicht unbedingt mitfahren im Update-Karussell.

Umwandeln in native Objekte

Wer kennt das nicht: Man hat platzierte Objekte und möchte die eine oder andere kleine Änderung vornehmen. Der Weg über das Ursprungsdokument scheint zu lang oder das entsprechende Programm ist gar nicht vorhanden.

Hier bietet XPress 2016 einen völlig neuen Ansatz. Mit dem Menübefehl In native Objekte“ konvertieren zerlegt XPress 2016 platzierte PDF-, EPS- oder AI-Dateien in editierbare Objekte. Mit dem Punktauswahlwerkzeug kann man nach der Aufhebung einer Gruppierung Vektoren bearbeiten. Objekte lassen sich dadurch verschieben, editieren, neu einfärben oder löschen.

XPress 2016 schafft diese Konvertierung erstaunlich gut. Selbst vor komplexen Illustrator-Dateien mit Symbolsätzen, weichen Kanten, aufwendigen Grafikstilen und Schlagschatten kapituliert XPress 2016 nicht. Beeindruckend werden solche Dateien richtiggehend zerpflückt. Die Elemente sind danach einzeln auswählbar. Bei PDF sind die Resultate aufgrund unterschiedlicher PDF-Versionen unterschiedlich. PDF/X-1 und PDF 1.3 zerlegt XPress auf einzelne Fragmente. Je nach Komplexität der Datei macht hier eine Konvertierung in XPress wenig Sinn. Schon besser ist PDF/X3 und X4 mit höheren PDF-Versionen. Da kann XPress gar Symbolsätze auswählen und kann diese drehen, skalieren oder löschen. Bei Objekten mit Schlagschatten liegen die Schatten als Bildelement losgelöst hinter dem Objekt. Der Schlagschatten wird jedoch korrekt dargestellt. Somit kann ein solches Element nicht direkt in XPress editiert werden. Für eine Konvertierung müssen die Schriften auf dem Rechner installiert sein.

XPress-Express 

XPress 2016 überrascht mit einer weiteren Auffrischung. Über die Programme Adobe Illustrator und InDesign, Corel Draw, Microsoft Office können nämlich Zwischenablageobjekte nativ eingefügt werden.

In der Praxis bedeutet dies viel Zeitersparnis. So kann man ein Excel-Diagramm kopieren und mit dem Befehl „Als natives Objekt einfügen“ editierbar in ein XPress verwenden. Aus InDesign und Illustrator lassen sich ausgewählte Designelemente ohne Umweg zu XPress übertragen. Farbverläufe von Illustrator sind über diese neue Funktion zwar nicht editierbar, doch das Aussehen bleibt erhalten. In manchen Fällen werden lange Textrahmen aus InDesign von XPress in Textblöcke unterteilt. Der Text bleibt jedoch editierbar und der Umbruch ist gleich.

Das Einfügen als natives Objekt liefert mit XPress 2016 gute Resultate. Die Brücke über die Zwischenablage ist so gut, wie die Hersteller der Programme die Kopierfähigkeit ausgebaut haben und die Komplexität dies ungehindert zulässt.

Mehrstufige Verläufe

XPress 2016 schafft nun auch die transparenten Verläufe. In der Palette „Farbverläufe“ wählt man dazu zuerst den Verlaufstyp aus. Im Verlaufsbalken kann man danach neue Farbregler setzen. Mit einem Doppelklick auf den Regler kann man die Farbe nach Werten oder am Farbrad einstellen. Auch besteht ein direkter Zugriff auf angelegte Farben der Palette „Farben“. Eine ausgewählte Reglerfarbe des Verlaufes wird transparent, wenn die Deckkrafteinstellung geändert wird. In der Palette „Objektstile“ kann XPress 2016 mehrstufige transparente Verläufe speichern, um sie damit einfach auf andere Objekte anzuwenden.

Farben aufnehmen 

Elegant hat XPress 2016 die Farbaufnahme mit einer Pipette gelöst. Diese befindet sich in der Palette „Farben“. Mit dieser Pipette wird beim Klick auf ein Bild oder ein platziertes Objekt die darunterliegende Farbe aufgenommen. Die Farbe landet zuerst im Aufnahmebereich der Palette „Farben“. Ist das Bild im RGB-Farbmodus, so befindet sich auch die aufgenommene Farbe im selben Modus. Mit einem Doppelklick lässt sich der Farbmodus oder die Farbwerte ändern. Die aufgenommene Farbe wird benannt und steht dann in der Palette bereit. Beim Klick mit zusätzlich gedrückter Alt-Taste werden die Farben einzeln wieder entfernt.

Sinnvoll hinzugefügt

Zahlreiche weitere Neuerungen für die Kreation und Produktion sind in XPress 2016 vorzufinden. Die essentielle Maßpalette kann in der Darstellung vergrößert werden. Textrahmen lassen sich über einen Menübefehl an die Textmenge anpassen. Das Suchen und Ersetzen wurde über geschützte Leerzeichen erweitert. Intelligente Hilfslinien unterstützen nun auch mehrspaltige Textrahmen. Diese unentbehrlichen Helfer werden nun innerhalb des Rahmens, an den Seitenrändern und in der Mitte angezeigt. Ein mögliches erweitertes Zeicheninventar einer OpenType-Schrift kann mit Stylistic-Sets ausgelesen werden. Inhaltsvariablen können im Textrahmen umbrechen und verhalten sich so wie normaler Text. Auf Mac gibt es die Unterstützung des Touchpad für die Steuerung mit Fingergesten.

HTML5-Publikationen

Beim Erstellen von Dokumenten unterscheidet XPress 6 zwischen den Layouttypen „Print“ und „Digital“. Ein vorhandenes Printlayout kann in einen digitalen Layouttyp konvertiert werden. Die layouttechnischen und typografischen Möglichkeiten sind in einem digitalen HTML5-Dokument ähnlich wie einem Printlayout festgelegt. Ein lokale Vorschau rendert für den Browser die Datei und bietet so eine gute Kontrolle, ganz ohne zusätzliche Serverlösungen und Abhängigkeiten.

Quark legt mit XPress 2016 großen Wert auf Standard-HTML5. Dadurch funktionieren alle gängigen Browserfunktionen wie Ein- und Auszoomen, Bildergalerien, 360-Grad-Bilderwelten, Seitenblättern, Animationen, Audio und Video, festgelegte Scrollbereiche, Geolocation, Hyperlinks und andere. Eine entsprechende HTML5-Palette führt die kompatiblen Interaktionen auf. Diese können wie in InDesign vielseitig eingestellt werden. Doch im Unterschied zu InDesign wird kein Flash oder PDF erzeugt, sondern reines HTML5 mit lokaler Speicherung und unabhängiger Veröffentlichung über Webbrowser.

Weitergehend hat Quark mit App Studio die Lösung für Mobile-Apps. App Studio ist eine HTML5-Lösung, die sowohl Projekte von Adobe InDesign als auch Quark XPress in interaktive Tablet-Lösungen umwandelt.

Was dennoch fehlt

Vermisst wird beim Platzieren die Mehrfachauswahl von Objekten. Auch wünscht man sich in komplexen Dokumenten Unterebenen, so wie InDesign und Illustrator dies kennt. Eine Kennzeichnung gruppierter Objekte könnte besser sein. Auch ein ausgebautes Ziehen und Loslassen von Farben direkt zu den Objekten oder zu Verlaufsreglern ist wünschenswert.

Keine Gesamtlösung

Dennoch fällt das Urteil durchwegs positiv aus. Mit XPress 2016 überlässt Quark dem Anwender die Kontrolle über Design und Prozesse. Die Möglichkeit, platzierte Dateien zu bearbeiten oder über die Zwischenablage editierbar einzufügen, ist sehr hilfreich. Mit den HTML5-Publikationen setzt Quark auf Standards statt auf Abhängigkeit und proprietäre Formate. Quark bietet mit XPress 2016 zwar keine Gesamtlösung an, so wie Adobe sie praktiziert. Doch es müssen auch nicht alle Arbeitsplätze mit sämtlichen Programmen ausgestattet sein. Hier kann XPress mit dem Argument der Unabhängigkeit, der Vielseitigkeit und der Flexibilität für Print und Digital überzeugend punkten.

Andreas Burkard

(4c Printausgabe 4/2016)

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